Versunkene-Kosten-Falle
Bereits investierte Kosten rechtfertigen scheinbar weitere schlechte Investitionen.
Wir haben schon so viel investiert!
Definition
Die Versunkene-Kosten-Falle ist die irrationale Tendenz, ein erfolgloses Projekt, eine schlechte Entscheidung oder eine toxische Situation fortzusetzen, nur weil bereits Zeit, Geld, Mühe oder andere Ressourcen investiert wurden.
Rational betrachtet sollten vergangene Investitionen keine Rolle für zukünftige Entscheidungen spielen – nur die erwarteten zukünftigen Kosten und Nutzen sind relevant.
EN: Sunk Cost Fallacy
Verwandschaft
Die Versunkene-Kosten-Falle hängt eng mit mehreren anderen Verzerrungen zusammen:
- Verlustaversion: Bereits investierte Kosten fühlen sich wie Verluste an, die vermieden werden sollen.
- Status-quo-Bias: Das Bestehende wird bevorzugt, Veränderungen vermieden.
- Eskalation des Commitments: Je mehr investiert wurde, desto schwerer fällt der Ausstieg.
- Besitztumseffekt: Was "uns gehört" wird höher bewertet als objektiv gerechtfertigt.
- Kognitive Dissonanz: Der Widerspruch zwischen Investition und schlechtem Ergebnis erzeugt Unbehagen.
- Selbstrechtfertigung: Zugeben von Fehlern bedroht das Selbstbild.
Beispiele
Das gescheiterte Projekt
Ein IT-Projekt läuft seit zwei Jahren über Budget und Zeitplan. Trotz schlechter Aussichten wird weitergemacht: "Wir haben schon 2 Millionen investiert, jetzt können wir nicht aufhören!"
Das defekte Auto
Monat für Monat teure Reparaturen an einem alten Auto: "Ich habe schon so viel Geld reingesteckt, ein neues Auto kann ich mir jetzt nicht leisten."
Studium oder Berufsausbildung
Ein ungeliebtes Studium wird zu Ende gebracht, weil "die vier Jahre sonst umsonst waren" – statt zu einem passenden Fach zu wechseln.
Verlustreiches Glücksspiel
Im Casino weitere Einsätze, um vorherige Verluste "wieder reinzuholen" – was meist zu noch größeren Verlusten führt.
Berliner Flughafen BER
Ursprünglich für 2011 geplant und 2,83 Milliarden Euro budgetiert. Nach zahllosen Pannen und Verzögerungen 2020 eröffnet – für über 7 Milliarden Euro. "Wir haben schon so viel investiert, jetzt müssen wir weitermachen."
Stuttgart 21
Das Bahnprojekt sollte ursprünglich 2,5 Milliarden kosten, liegt inzwischen bei über 10 Milliarden. Trotz massiver Proteste: "Das Projekt ist schon zu weit fortgeschritten zum Aufhören."
Elbphilharmonie Hamburg
Geplant für 77 Millionen Euro (2007), finale Kosten: 866 Millionen Euro. Jeder Stopp hätte Geld gespart – aber die bereits investierten Millionen "rechtfertigten" das Weitermachen.
Auswirkungen
- Ressourcenverschwendung: Geld und Zeit werden in aussichtslose Projekte gesteckt.
- Eskalation von Problemen: Schlechte Situationen verschlimmern sich weiter.
- Verpasste Chancen: Bessere Alternativen werden übersehen oder abgelehnt.
- Emotionale Belastung: Festhalten an hoffnungslosen Situationen erzeugt Stress.
- Selbstbetrug: Realitätsverweigerung verstärkt sich mit jeder weiteren Investition.
Gegenstrategien
- Null-Based-Thinking: "Würde ich heute neu anfangen, wenn die bisherigen Kosten nicht existierten?"
- Ausstiegspunkte definieren: Vorab klare Kriterien festlegen, wann ein Projekt beendet wird.
- Externe Perspektive: Unbeteiligte nach ihrer ehrlichen Einschätzung fragen.
- Opportunitätskosten bedenken: Was könnte mit den Ressourcen stattdessen erreicht werden?
- Pre-Mortem: Vor Projekten mögliche Scheitern-Szenarien durchdenken.
- Regelmäßige Bewertung: Projekte in festgelegten Abständen objektiv evaluieren.
Quellen
- Wikipedia: Versunkene Kosten
- Wikipedia: Sunk Cost
- Arkes, H. R., & Blumer, C. (1985). The psychology of sunk cost. Organizational Behavior and Human Decision Processes.
- Heath, C. (1995). Escalation and de-escalation of commitment in response to sunk costs.