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Schopenhauer: Satz vom zureichenden Grund

Schopenhauer: Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde

Zusammenfassung

Schopenhauers frühe Dissertation (1813, revidiert 1847) untersucht den "Satz vom zureichenden Grunde" – die Einsicht, dass nichts ohne Grund ist. Er kritisiert die unklare Verwendung dieses Prinzips bei Vorgängern (besonders Wolff) und ordnet es systematisch in vier verschiedene Wurzeln ein, je nach Erkenntnisweise.

1. Allgemeine These

Der Satz vom zureichenden Grunde lautet: Nichts ist ohne Grund, warum es sei. – Doch "Grund" bedeutet Unterschiedliches, je nach Art des Objekts für das Subjekt. Schopenhauer unterscheidet vier Grundarten, die nicht aufeinander reduzierbar sind.

2. Die vier Wurzeln

  1. Grund des Werdens (Kausalität in der Erfahrung)

    • Betrifft Veränderungen in der sinnlichen Welt.
    • Jede Veränderung hat eine Ursache.
    • Grundlage der Naturwissenschaft: die Verknüpfung von Erscheinungen in Raum und Zeit.
  2. Grund des Erkennens (logische Begründung)

    • Betrifft Urteile und Schlussfolgerungen.
    • Ein Urteil ist nur wahr, wenn es sich aus anderen, bereits anerkannten Urteilen ergibt.
    • Hier tritt der Satz als logisches Prinzip der Begründung auf.
  3. Grund des Seins (Raum und Zeit)

    • Raum und Zeit sind Ordnungsformen a priori, in denen jedes Element seine Stellung durch andere erhält.
    • Ein Punkt im Raum ist nur durch seine Relation zu anderen Punkten bestimmbar; ebenso ein Moment durch sein Verhältnis zu anderen Momenten.
  4. Grund des Handelns (Motivation)

    • Betrifft das Verhalten des Subjekts als Willenswesen.
    • Jede Handlung entspringt einem Motiv, das notwendig zum Willensakt führt.
    • Dies bildet die Grundlage der Ethik und Psychologie.

3. Bedeutung der Unterscheidung

  • Die vierfachen Bedeutungen verhindern Verwirrung zwischen logischer, physikalischer, mathematischer und praktischer Begründung.
  • Der Satz ist nicht einheitlich, sondern formal identisch bei verschiedenem Inhalt.
  • Damit verbindet Schopenhauer Kantische Erkenntnistheorie (Raum, Zeit, Kausalität als Formen der Anschauung) mit einer systematischen Analyse des Begründungsbegriffs.

4. Weiterführende Funktion

  • Der Text liefert die erkenntnistheoretische Grundlage für Schopenhauers Hauptwerk (Die Welt als Wille und Vorstellung).
  • Vor allem die vierte Wurzel, Motivation, öffnet den Weg zu seiner späteren Willensmetaphysik.

Kernidee: Schopenhauer zerlegt den Satz vom zureichenden Grunde in vier irreduzible Typen von Begründung – Werden, Erkennen, Sein, Handeln – und gibt so eine präzise, systematische Ordnung der Bedingungen, unter denen etwas "einen Grund hat".

Wikipedia

Satz vom zureichenden Grund

Der "Satz vom Grunde" steht stellvertretend als gemeinsamer Oberbegriff, als gemeinschaftliche Wurzel aller Arten von Relation, wie sie in der vorgestellten Welt erscheinen. Diese Relationsbeziehungen ordnet Schopenhauer vier verschiedenen Klassen zu, in denen jeweils bestimmte Objekte auf unterschiedliche Weise aufeinander wirken, also eine unterschiedene Ausformung des Satzes vom Grunde herrscht.

Als erste Klasse fasst Schopenhauer die Klasse der "anschaulichen, vollständigen, empirischen Vorstellungen", in denen der "Satz vom zureichenden Grunde des Werdens" herrscht. Vereinfacht gesagt stellt diese Klasse die physikalische Ebene der Naturwissenschaft dar, in der das Prinzip von Ursache und Wirkung auftritt: Damit etwas wird, braucht es eine Ursache, welche auf es wirkt.[9]

Die zweite Klasse dagegen umfasst die Begriffe, womit Schopenhauer die Erzeugnisse der Vernunft meint, also die Sprache. In dieser Klasse herrscht der "Satz vom zureichenden Grunde des Erkennens". Denn abstraktes Denken, das sich in Begriffen vollzieht, operiert stets mit Urteilen, die, wenn sie wahr sind, eine Erkenntnis ausdrücken. Somit stellt die zweite Klasse der Objekte die sprachlich-formale Ebene der Vorstellungen dar, in der der Satz vom Grunde wesentlich das Verhältnis zwischen Prämissen und Schluss beschreibt bzw. zwischen Erkenntnisgrund und Folge.[10]

Mit der dritten Klasse der Vorstellungen setzt Schopenhauer Zeit und Raum gleich. Diese sind hier in ihrer rein formalen Ausformung zu betrachten, während sie eigentlich schon in der ersten Klasse auftreten, dort jedoch in ihrer Vereinigung als materielles Produkt (Zeit vereinigt mit Raum ist für Schopenhauer gleich Materie und somit Kausalität). Zwischen den Teilen im Raum bzw. in der Zeit findet sich das Verhältnis von Lage (im Raum) und Folge (in der Zeit). Dieser Verhältnismäßigkeit, die die Grundlage allen Seins bildet, schreibt Schopenhauer den "Satz vom zureichenden Grunde des Seyns" zu.[11]

Schließlich nennt Schopenhauer eine letzte Klasse, deren Vorstellungen sich auf ein einziges Objekt beziehen, nämlich auf das "Subjekt des Wollens": Der Mensch betrachtet den inneren Vorgang des Wollens in ihm als etwas Objektives, er betrachtet sich als wollendes Subjekt. Innerhalb dieses Objektes nun herrscht wiederum Kausalität, jedoch nicht eine "äußere" wie in der ersten Klasse, sondern eine "innere": Der Ursache entspricht hier das Motiv und der Wirkung die Handlung. Der zugeordnete Satz ist der "Satz vom zureichenden Grunde des Handelns".[12]

Jeder Klasse ordnet Schopenhauer ein "subjektives Korrelat"[13] zu, durch welches der jeweilige Satz vom Grunde sich uns darstellt: Die erste Klasse besteht durch den Verstand, die zweite durch die Vernunft, die dritte durch die reine Sinnlichkeit und die vierte durch den inneren Sinn oder das Selbstbewusstsein.


Historische Quellen und Zitate

http://www.zeno.org/Philosophie/M/Schopenhauer,+Arthur/Ueber+die+vierfache+Wurzel+des+Satzes+vom+zureichenden+Grunde/2.+Uebersicht+des+Haupts%C3%A4chlichsten,+so+bisher+%C3%BCber+den+Satz+vom+zureichenden+Grunde+gelehrt+worden/%C2%A7+6.+Erste+Aufstellung+des+Satzes+und+Unterscheidung+zweier+Bedeutungen+desselben

ἀναγκαῖον πάντα τὰ γιγνόμενα διὰ τινὰ αἰτίαν γίγνεσθαι· πῶς γὰρ ἂν χωρὶς τούτων γίγνοιτο;

Übersetzung: "Es ist notwendig, dass alles, was entsteht, durch irgendeine Ursache entsteht; denn wie könnte es ohne eine solche (Ursache) entstehen?"

Quelle: Platon, Timaios 28a.


πᾶν δὲ τὸ γιγνόμενον ὑπ’ αἰτίου τινὸς ἐξ ἀνάγκης γίγνεσθαι· παντὶ γὰρ ἀδύνατον χωρὶς αἰτίου γένεσιν σχεῖν.

Übersetzung: "Alles, was entsteht, entsteht notwendigerweise durch irgendeine Ursache; denn es ist für alles unmöglich, ohne Ursache Entstehung zu haben."

Quelle: Platon, Timaios 28a (direkt im Anschluss an die Stelle, die du vorher zitiert hattest).


μάλιστα μὲν καὶ πρῶτον δοκεῖε τὸ μηδὲν ἀναιτίως γίγνεσθαι, ἀλλὰ κατὰ προηγομένας αἰτίας.

Übersetzung: "Vor allem und als erstes dürfte gelten, dass nichts ohne Ursache entsteht, sondern gemäß vorangehenden Ursachen."

Quelle: Plutarch, De fato ("Über das Schicksal"), Kap. 3 (568a).


Zitat

πᾶσα ἐπιστήμη διανοητική, ἢ καὶ μετέχουσα τι διανοίας, περὶ αἰτίας καὶ ἀρχὰς ἐστί.

Aristoteles, Metaphysik, Buch Alpha (Α, 1, 981b 5–10).

Wörtlich übersetzt: "Jede denkerische Wissenschaft, oder auch die, die etwas Anteil am Denken hat, handelt von Ursachen und Prinzipien."

Freier im Deutschen: "Alle Wissenschaft, die auf Denken beruht – oder überhaupt am Denken teilhat – beschäftigt sich mit Ursachen und Grundprinzipien."


ἐπιστάσθαι δὲ οἰόμεθα ἕκαστον ἁπλῶς, ὅταν τὴν αἰτίαν οἰώμεθα γινώσκειν, δι’ ἣν τὸ πρᾶγμά ἐστιν, ὅτι ἐκείνου αἰτία ἐστίν, καὶ μὴ ἐνδέχεσθαι τοῦτο ἄλλως εἶναι.

Übersetzung: "Wir meinen etwas erst dann im eigentlichen Sinn zu wissen, wenn wir glauben, die Ursache zu kennen, durch die das Ding ist, und wissen, dass es die Ursache davon ist und dass es nicht anders sein kann."

Quelle: Aristoteles, Analytica Posteriora (Zweite Analytiken) I, 2, 71b9–12.


αἰτίαι δὲ τέσσαρες· μία μὲν τὸ τί ἦν εἶναι· μία δὲ τὸ τίνων ὄντων ἀνάγκη τοῦτο εἶναι· ἑτέρα δὲ ἡ τί πρῶτον ἐκίνησε· τετάρτη δὲ τὸ τίνος ἕνεκα.

📍 Quelle: Aristoteles, Physik II, 3 (194b23 ff.).

Übersetzung ins Deutsche: "Es gibt vier Ursachen:

  1. die Wesenheit oder das Was-es-war-zu-sein (τὸ τί ἦν εἶναι = das Wesen / die Form),

  2. das, woraus etwas ist, insofern es notwendig ist, dass es daraus ist (τὸ τίνων ὄντων ἀνάγκη τοῦτο εἶναι = der Stoff),

  3. das, was zuerst in Bewegung gesetzt hat (ἡ τί πρῶτον ἐκίνησε = die bewegende Ursache),

  4. das, um dessentwillen etwas ist (τὸ τίνος ἕνεκα = der Zweck)."

👉 In der üblichen Terminologie heißen sie also:

Formursache (causa formalis)

Stoffursache (causa materialis)

Wirkursache (causa efficiens)

Zweckursache (causa finalis)


Wir sehn also, daß die Alten es noch nicht zur deutlichen Unterscheidung zwischen der Forderung eines Erkenntnißgrundes zur Begründung eines Urtheils und der einer Ursache zum Eintritt eines realen Vorganges gebracht haben.
§ 6, Arthur Schopenhauer: Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde